JAPAN IM WANDEL

Shibuya Scramble Crossing - gefunden auf foursquare.com
Shibuya Scramble Crossing – gefunden auf foursquare.com

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, weshalb la marui einen Blogeintrag zu Japan veröffentlicht, wo wir doch so Schweiz- oder zumindest Europafokussiert sind? Berechtigte Frage, die wir natürlich gleich auch beantworten: Wir haben durch mich, Samantha, eine intensive Verbindung zu Japan aufgebaut, da ich momentan in Tokyo wohne. Zudem sind einige unserer Stücke inspiriert von traditionell japanischer Kleidung (als Beispiel: unser Bademantel gleicht in seiner einfachen T-Form dem Yukata, dem japanischen Sommerkimono).

Auch ist unser Name Japanisch: „marui“ bedeutet „rund“ und „maru“ Kreis im Japanischen (das „la“ ist dann doch ganz dem Französischen entlehnt). Vielleicht fragt ihr euch nun, weshalb wir ursprünglich auf Japan gekommen sind, weshalb ein Teil des la marui Gründerinnen-Teams so weit weg wohnt? Das hat den einfachen Grund, dass es mehr Sinn macht die Forschung während meines Japan-Studiums direkt hier zu betreiben, als mich in Europa an fern-Forschung zu versuchen. Ich habe meinen Bachelor in Japanologie in der Schweiz (Universität Zürich) abgeschlossen und mache nun meinen Master an der Waseda Universität in Tokyo.

Das hat uns nun auf die Idee gebracht, euch das Leben oder zumindest die Mode hier ein wenig näher zu bringen. Schliesslich sehen wahrscheinlich viele von euch nicht oft, was auf der anderen Seite des Globus läuft, richtig?

Japan ist bekannt für viele Dinge, die ich hier denke ich nicht alle aufzuzählen brauche (Sushi, Samurai, schwere AKW-Unfälle und so…nein, Scherz bei Seite, ihr wisst was ich meine). Relevant für die Mode ist sicherlich die traditionelle Japanische Kleidung, von der heute nur noch der Kimono und – noch häufiger – der Yukata im Sommer getragen werden.

Photo credit: 白石 [CC BY-SA 2.5] via Photozou
Junge Frauen tragen farbenfrohe Yukata auf dem weg zu einem Sommerfest. (Photo credit: 白石准 [CC BY-SA 2.5] via Photozou)

Weiter spannend ist, dass Japan – noch viel stärker als andere Länder, die ich besucht habe – lose Kleidung mag. Eng andliegendes ist nicht häufig und wenn, dann nur einen Teil der Klamotten, nicht alles. Ein paar Grundregeln, die mir das Leben hier gezeigt hat (nicht, dass ich die beachten würde):

1. Keinen Ausschnitt tragen. Gilt als unschön/offen verführerisch.

2. Bein zeigen ist kein Problem. Kein Bein zeigen ist fast schon problematisch, hingegen. Kurzer Rock? Völlig in Ordnung.

3. Eng anliegende Kleidung ist – ähnlich wie ein Ausschnitt zu tragen – eher schlecht.

4. Möglichst stylisch, bitte. Tokyoterinnen haben’s im Griff mit den neusten Trends und auch mit gewagten Kombinationen kommt man – sofern genug  Selbstbewusstsein – durch.

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Was aber in jedem Fall wichtig scheint, ist dass die Frauen schlank sind. In jedem Zug, Bahnhof und Einkaufszentrum findet sich Werbung für Diätprodukte. Von Crêmes bis Pillen, von Fitness-Klubs, die nicht etwa mit Fitness- sondern mit Abnehm-Programmen werben, bis Kleiderläden, überall sieht man sehr schlanke Frauen. Hört man den Schülerinnen auf dem Zug zu, sind „ich bin zu dick“ oder „ich muss eine Diät machen“ Teil des Gesprächs. Dass das in anderen Teilen der Welt nicht anders ist, wissen wir natürlich, doch in Japan hat bis vor Kurzem die Grosse Grössen-Community stillgeschwiegen.

Property of Fujisan Magazine Service
Property of Fujisan Magazine Service

Im März 2013 kam es dann: mit einem Knall betrat das Plus Size Magazin „La Farfa“ (abgekürzt für „Schmetterling“ im Italienischen) Japan’s Modeszene. Mit riesigem Erfolg, denn die erste Edition war nach kurzer Zeit bereits vergriffen. La Farfa war ausschlaggebend in dem das Magazin eine Platform und eine Informationsquelle zur japanischen Plus Size Szene bot. Wichtige Listen mit Grosse Grössen Geschäftern in Tokyo und Umgebung, Events und Weiteres machen dieses Heft zu einem Knoten- und Angelpunkt für zuvor eher im Untergrund schlummernde Mode. Weiter ist La Farfa auch ein Tabu-brechendes Magazin: die unmöglichen Standards der Fashion Industrie werden angefochten oder offen abgelehnt und die „pocchari joshi“ (ぽっちゃり女子、 jap. in etwa „Marshmallow Mädchen“) feiern ihre Körper in allen Arten von Kleidung.

Dieser mutige Aufschrei der Japanerinnen hat viele weitere dazu bringen können, sich in der Öffentlichkeit und im Internet wohler zu fühlen und sogar an Fashion Shows teilzunehmen. Eine richtig tolle Sache, La Farfa.

Auf Instagram gefunden: La Farfa’s offizieller stream beinhaltet die neusten Trends, Photoshoots, Models, Events und vieles mehr. Professionell und zugleich gewagt und frei in ihrer Modeauswahl kommt das Magazin wirklich gut an bei einem Grossteil des Publikums.

Finally picked up a copy of #LaFarfa!

A photo posted by Kaya (@giantscreamer) on


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La Farfa gewinnt auch bei internationalen BesucherInnen an Popularität und bringt frischen Wind in die japanische Mode und Lifestyle-Szene, wie der Eintrag oben zeigt.

Die Frage bleibt jedoch, wie sehr die japanische Gesellschaft ihre Akzeptanz gegenüber anderen Körperidealen und anderen Lebensstilen erweitern kann. Bisher scheint die Bevölkerung allgemein noch nicht sehr anders oder weniger auf das Schlanksein bedacht. Es ist Fakt, dass Japan’s Frauen zu den dünnen gehören im weltweiten Vergleich*. Zudem ist unbekannt, wie viele an Essensstörungen leiden, da das ein Tabuthema ist und folglich selten zur Sprache und somit ans Licht kommt.

Dass die Gesellschaft in Japan jedoch den weltweiten Trend, mehr Akzeptanz zu zeigen und somit den Menschen mehr Freiheit und einen positiven Lebensstil zu ermöglichen, nicht ignorieren kann hat sich gezeigt. Gesundheit und Schönheit werden immer wichtige Kriterien sein, doch können sich dieselben jederzeit wandeln. Wir würden uns wünschen, dass kein spezielles Magazin nötig ist, um einen solchen Wandel hervorzubringen, doch lässt sich nicht abstreiten, dass oft eine solche Massnahme erst zu einem grösseren Bewusstsein und somit zu einer Normalisierung führen kann. Bis japanische Fashion Magazine die Grosse Grössen-Models ganz natürlich in ihre Ausgaben integrieren und auf die Titelseiten bringen, muss – so zumindest meine nüchterne Prognose – noch ein Weilchen vergehen.

*Laut dem japanischen Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (www.e-stat.go.jp/SG1/estat/Xlsdl.do?sinfid=000027237853)

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