Sylvia

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STECKBRIEF

Alter: 57 Jahre

Kleidergrösse: 52

Körpergrösse: 178cm

Nationalität: Deutschland, seit 8 Jahren in der Schweiz

Beruf: Call-Center Planerin

 

WIE IST FÜR DICH DER ALLTAG ALS DICKE FRAU?

Ich bin berufstätig, gehe also täglich zur Arbeit. Einmal die Woche arbeite ich von zuhause. Ich wohne in der Nähe von Zürich auf dem Land, hab ein Auto und fahre aber auch mal mit den ÖV wenn’s Sinn macht.

Als dicke Frau bin ich oft kritischen Blicken ausgesetzt, das ist manchmal ungemütlich. Ich habe gelernt, mit diesen Blicken zu leben und versuche, sie zu ignorieren. Es gibt halt immer noch diese Klischees in unserer Gesellschaft, dass Dicke faul sind, oder eher dumm. Auch das Dicke ‘gemütlich’ sein sollen, ist so ein unsinniges Klischee. Ich merke das z.B. im geschäftlichen Umfeld daran, dass wenn ich in Sitzungen den Mund aufmache und klar meine Meinung sage, oder auch mal ‚Nein’ sage, die Kollegen und Kolleginnen das nicht erwartet haben von mir. Vor allem, wenn sie mich noch nicht gut kennen. Dicke können selbstverständlich auch bestimmt und fordernd sein. Dünn oder schlank sein ist ja keine Auszeichnung.

Kürzlich fuhr ich mit der Strassenbahn in einem völlig überfüllten Wagen. Wir standen wie die Sardinen. Ich hatte meine Handtasche umgehängt und muss dabei einer alten Frau zu nahegekommen sein. Ruft die lauthals: “Sie sind zu dick!” durch den Wagen. Das war mir unangenehm und ich bat sie, das doch bitte zu unterlassen. Daraufhin fing sie an, mich als Deutsche zu beleidigen, von wegen geh dahin zurück wo du hergekommen bist und all sowas. Das hat mich echt getroffen und ich bat sie noch einmal, es doch jetzt gut sein zu lassen. Da sprach mich eine junge Frau die hinter der Alten stand an und entschuldigte sich für deren unflätiges Benehmen. Rund um mich herum kamen dann immer mehr Stimmen, die dasselbe taten und schlussendlich hatten wir eine lustige Fahrt und gute Stimmung. Alle haben miteinander geredet und ich fühlte mich wieder wohl.

Tja, und dann ist da die Sache mit den Kleidern… so einfach drauflos zu shoppen, mal in die Stadt zu gehen und die Läden abzuklappern, das geht natürlich nicht. Ich bin schon als Kind dick gewesen und es war immer schwierig, Kleider zu finden in meiner Grösse. Zumal ich ja auch noch eher lang bin mit 1m78cm. Zudem hab ich sehr dünne Beine, die passen irgendwie nicht richtig dazu. Das macht es nochmals schwieriger mit den Hosen. Ich liebe Jeans aber finde selten eine, die passt. Wenn ich dann mal eine hab, kauf ich gleich mindestens 2 Paar davon. Auch Unterwäsche die passt, ist nicht einfach zu finden. Und als Dicke in ein Geschäft zu gehen und mich durchs Angebot zu probieren, ist oft auch mit Vorurteilen verbunden. Sagt mir so ein junges Ding kürzlich im Dessous-Geschäft: „Haben Sie’s schon in einem Sanitätsgeschäft probiert?“!

Einmal hatte ich ein Date, einen Typen den ich über eine Datingplattform kennengelernt hatte. Der wusste also, dass ich dick bin schon bevor wir uns trafen. Beim Essen fängt der dann plötzlich mit Tips für gesundes Essen an. Und dass ich zum Abendbrot ja auch mal ne Tomate essen könne. So ein verkappter ‚Ernährungsberater’. Unser Date war dann schnell beendet.

Wenn ich ganz gut drauf bin geh ich auch mal in ein Geschäft rein, schau mich um und sag dann zur Verkäuferin: „Ach, in meiner Grösse haben sie nur Tücher und Schals…“. LOL!

Es ist einfach immer noch sehr schwierig, sportliche und farbenfrohe Mode in grosser Grösse zu finden. Ich liebe zudem grossen Schmuck und tolle, farbige Schals.
 

GABS EINEN PUNKT AN DEM DU DICH ALS DICKE FRAU AKZEPTIEREN KONNTEST?

Wie gesagt, war ich schon immer pummelig oder dick. Sicher nie schlank. Viele Jahre gings darum, zu kaschieren. Das hab ich bis heute nicht ganz ablegen können. Aber es gibt da ein Erlebnis, das mich geprägt hat. An dem Tag habe angefangen, mich so zu akzeptieren und zu mögen, wie ich bin.

Ich war in ein Dokumentarfilm-Projekt involviert, wurde also gefilmt. Dazu gehörte dann auch, dass Fotos gemacht wurden. Als ich also posierte für den Fotografen, sagte ich ihm jeweils von welcher Seite und aus welchem Winkel er mich doch bitte NICHT aufnehmen sollte, weil ich sonst so dick aussehen würde. Nach einer Weile hin und her stand er da und sagte mir in seiner direkten Art: „Sylvia, du siehst nicht dick aus…“ – ich wollte schon abheben und mich über dieses Kompliment freuen, als er nachschob „… du BIST dick!“ Päng. Da war’s. Er hatte das überhaupt nicht bös gesagt, einfach nur festgestellt, ganz freundschaftlich. Damals, das war vor mehr als 20 Jahren, hab ich aufgehört, mich selbst anzulügen und auszutricksen. Heute weiss ich wer ich bin und dick sein gehört einfach dazu.

 

 

HAST DU EINEN TRAUM DEN DU DIR NOCH ERFÜLLEN WILLST?

Oh ja, ich will einmal eine Reise machen mit der Transsibirischen Eisenbahn. Ich war schon einmal ganz nah dran, das Datum stand fest, die Tickets waren gebucht. Dann wurde ich krank und musste die Reise wieder absagen. Das war schon hart. Aber ich hol das nach, ganz sicher!
 

GIB UNS NOCH EIN PAAR POSITIVE GEDANKEN MIT

Also, mir gefällt es in der Schweiz, ich bin glücklich hier. Ich habe mich mit 50 dazu entschlossen, noch einmal das Land zu wechseln, ganz neu anzufangen. Ich bekam ein Job-Angebot aus der Schweiz und hab kurzerhand zugesagt. Meine Freunde in Berlin und meine Verwandten haben schon gemeint, das wär etwas waghalsig. Ich bin trotzdem gegangen und bereue es keine Sekunde.

Das ist jetzt das dritte Land in welchem ich lebe. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Das alleine ist schon ein Buch an Geschichten und Erlebnissen wert. Mir gefällt es, dass viele Leute die ich in der Schweiz kennengelernt habe, sich für das Leben in der DDR interessieren, auf eine gute Art. Sie wollen wissen wie das war, was wir erlebt haben. Ohne zu werten. In Deutschland ist das ja etwas anders, das sind die Ossies nicht überall gern gesehen. Hier treffe ich auf eine neutrale, ehrlich Neugier. Die Schweizer können sich kaum vorstellen, wie wir gelebt hatten. Und ich erzähle gerne aus der Zeit.

Ahhh…. dann gibt’s natürlich noch die eine tolle Sache hier in der Schweiz. Eigentlich der Hauptgrund für mich hier zu sein. Ich feire jedes Jahr am 1. August meinen Geburtstag! Immer mit Feuerwerk im ganzen Land! Ich krieg die grösste Party geschmissen, Jahr für Jahr. ?

Ich habe eine Schwester, die hat ebenfalls am 1. August Geburtstag. Wir sind zweieiige Zwillinge und könnten unterschiedlicher nicht sein. Mit jedem Jahr und mit jedem neuen Lebensabschnitt, werde ich als Mensch relaxter, offener, kann mit Situationen besser umgehen. Ich bin gern unter Menschen und kann gut mit anderen kommunizieren. Das hat sicher viel damit zu tun, dass ich mich in meiner eigenen Haut wohl fühle.

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